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Erfahrungen eines Pop-Up-Stores

Ein Gartencenter im Münchner Rathaus

Jakob und Valentin Kiefl haben in nur zwei Wochen mit „Urban Gardeners“ ein innovatives Store-Konzept in der Münchner Innenstadt eröffnet. Mit KI-Chatbot, 3D-Druck, Social Media und integriertem Café wurde Pflanzenkauf zum urbanen Erlebnis. Über 155.000 Besucher in fünf Monaten zeigen: Mut zum Prototyping, klare Fokussierung und neue Wege in der Beratung können auch im Gartenfachhandel echte Impulse setzen. Welche Learnings andere Händler daraus ziehen können, lesen Sie hier.

von Rid-Stiftung/Redaktion erschienen am 26.11.2025
Kiefl Urban Gardeners © JAN SCHMIEDEL
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Wie lässt sich ein Gartencenter mitten in der Innenstadt erfolgreich betreiben? Über sechs Monate hinweg, von März bis August 2024, haben Jakob und Valentin Kiefl diese Vision in einem Ladenlokal im Münchner Rathaus umgesetzt. Unterstützt von Technologien wie einem KI-Chatbot, 3D-Druck und Social Media entwickelten die Brüder nicht nur ein innovatives Geschäftsmodell, sondern beantworteten auch eine weitere spannende Frage für sich und andere: Wie eröffnet man ein Geschäft in nur zwei Wochen? 

Unser Ziel war es, die Pflanzenberatung durch Technologie zu erweitern und gleichzeitig ein inspirierendes Einkaufserlebnis zu schaffen. Jakob und Valentin Kiefl
In nur zwei Wochen aus dem Hut gezaubert: Ein Gartencenter im Münchner Rathaus.
In nur zwei Wochen aus dem Hut gezaubert: Ein Gartencenter im Münchner Rathaus. © JAN SCHMIEDEL
Prototyping …

bedeutet, eine erste Version eines­ Konzepts zu entwickeln, um dieses unter realen Bedingungen zu testen und gezielt weiter­zuentwickeln, bevor es in eine ­größere Skalierung übergeht. Besonders im Einzel­handel ist dieser Prozess essenziell, da er frühzeitig Aufschluss darüber gibt, ob eine Idee den Bedürfnissen der Kunden entspricht.

Die Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel hat mit dem Förderformat Future Retail Store einen einzigartigen Experimentierraum geschaffen. Dort konnten mittelständische Händlerinnen und Händler digitale Technologien, neue Geschäftsmodelle und innovative Ideen unter realen Marktbedingungen erproben – kein Showroom, sondern echter Handel mit echter Kundschaft. Praxisnahe Erkenntnisse und relevantes Anwendungswissen entstanden, das dem gesamten mittelständischen Einzelhandel zugutekommt und mit Fachleuten aus Handel, Stadtentwicklung, Politik und Wissenschaft geteilt wird. Mit dem Konzept Urban Gardeners ergriffen Jakob und Valentin Kiefl die Chance, zu experimentieren, wie sich ein Gartencenter mitten in der Innenstadt erfolgreich betreiben lässt. Sie testeten ihr Geschäftsmodell auf einer Ladenfläche im Münchner Rathaus – unterstützt durch den selbst entwickelten KI-basierten Chatbot „Plantfinder“ und 3D-Druck für individuelle Pflanzenaccessoires. Der Store richtete sich gezielt an städtische Pflanzenliebhaber mit einem Sortiment von pflegeleichten Zimmerpflanzen bis hin zu essbarer Begrünung auf kleinstem Raum wie auf dem Balkon oder im Gemeinschaftsgarten. Zu den zentralen Herausforderungen gehörte, diesen Laden in nur zwei Wochen zu eröffnen und gleichzeitig einen wirksamen Social-Media-Kanal aufzubauen. Das Ergebnis: über 155.000 Besucher in fünf Monaten, solide Umsätze im Handel und im Café „Gardeners Coffee Club“ sowie wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells.

Das integrierte Café „Gardeners Coffee Club“
Das integrierte Café „Gardeners Coffee Club“ © Rid Stiftung/Jan Schmiedel

„Wir waren sehr stolz und gespannt, unser Konzept Urban Gardeners in dieser zentralen Lage am Münchner Marienplatz auf 600 Quadratmeter und drei Etagen erproben zu können. Wir hatten keine Blaupause, sondern konnten unser Konzept umsetzen. Für uns als junge Unternehmer war diese Zeit Gold wert. Wir haben jeden Tag dazugelernt – das war Unternehmertum auf Steroiden“, begeistern sich Jakob und Valentin Kiefl, Geschäftsführer der Urban Gardeners.

Durch den KI-Chatbot wurde Pflanzenberatung im Self-Service möglich – auch ohne geschultes Personal. Per Touch oder Spracheingabe konnten Angaben zu Standort, Lichtverhältnissen oder Pflegeaufwand gemacht werden. Der digitale Assistent half bei der Auswahl der passenden Pflanze aus dem Sortiment oder beantwortet spezifische Fragen  – und das in mehreren Sprachen.

Innovativ: Mal rasch ein Pflanzgefäß drucken lassen.
Innovativ: Mal rasch ein Pflanzgefäß drucken lassen. © JAN SCHMIEDEL

Lehren aus dem Prototyp

Sechs Monate sind für einen stationären Händler kaum mehr als ein Wimpernschlag und die Jahreszeiten konnten nicht alle abgedeckt werden. Sortiment und Ladenbau waren begrenzt und doch war dieses Experiment ein voller Erfolg im Sinne des Förderformats Future Retail Store.

Natürlich hätten wir Ratschläge von unseren Eltern annehmen können, aber das wäre zu einfach gewesen. Jakob Kiefl

Die zehn wichtigsten Learnings

  1. Fokus statt Überfrachtung – nicht alles ist in sechs Monaten umsetzbar. Ein neues Geschäft braucht Anlaufzeit – und gerade zu Beginn ist es wichtig den Fokus auf das Wesentliche zu legen.
  2. Daten sind wertvoll – doch ihre Analyse und die Suche nach den richtigen Fragestellungen sind aufwendig und benötigen gezielt Ressourcen.
  3. Parallel zum stationären Geschäft starteten die Urban Gardeners auch einen Online-Shop – zunächst mit mäßigem Erfolg, denn Verpackung und Transport überstanden nur robuste Pflanzen. Eine offene Kommunikation auf Social Media erfolgte zusammen mit einer Umstellung auf eine individuelle Lieferung innerhalb der Region München.
  4. Unternehmen in der Umgebung fragten gezielt nach Pflanzen zur Begrünung ihrer Büros. So wurden völlig unerwartete B2B-Potenziale entdeckt, die flexibel bedient den Grundstein für ein zukunftsfähiges B2B-Geschäft legten.
  5. Die fünfte Lehre war die Preispsychologie. Der Eiswagen vor dem Lande sollte Laufkundschaft anziehen – mit hochwertiger Manufaktur-Eiscreme für nur 1 Euro. Doch der Preis weckte Zweifel an der Qualität. Nach einer Preiserhöhung auf 2 Euro pro Kugel stiegen die Verkaufszahlen deutlich.
  6.  Pflanzenpflege: Anders als in einem klassischen Gartencenter waren die Bedingun-gen im Münchner Rathaus alles andere als einheitlich: Während das Obergeschoss von Wärme und Sonneneinstrahlung geprägt war, war es im Erdgeschoss deutlich kühler und dunkler. Das führte anfangs zu einem erhöhten Warenausfall. Erst durch gezielte Beobachtung und Anpassung der Standorte fanden die Pflanzen die Bedingungen, unter denen sie gut gedeihen konnten.
  7. Social Media – offen, spontan, nahbar – aber regelmäßig! Ein Erfolgsfaktor des Social-Media-Auftritts von Urban Gardeners war die authentische Mischung aus professionellen Reels und spontanen Einblicken in den Ladenalltag. Doch schnell wurde klar: Wer sichtbar bleiben will – auch ohne bezahlte Werbung – muss regelmäßig posten. Eine strategischere Content-Planung, ohne dabei die Spontaneität zu verlieren, wird künftig entscheidend sein, um den Kanal als Frequenz- und Umsatztreiber weiter auszubauen.
  8. Den richtigen Preispunkt finden: Die Verkaufsentwicklung hat gezeigt, dass der ge-wählte Preispunkt nicht optimal zum Konzept Urban Gardeners passte. Zwar lag das Preisniveau in etwa auf dem von klassischen Gartencentern, doch blieb die Drehgeschwindigkeit teilweise hinter den Erwartungen zurück. Der deutliche Frequenz- und Umsatzanstieg während der Abverkaufsaktion am Ende der sechs Monate – ebenso wie erste Erfahrungen auf weiteren Pop-up-Flächen – bestätigten: Gezielte Preisimpulse wirkten und konnten die Umschlaggeschwindigkeit bei Urban Gardeners spürbar steigern.
  9. Das Personal auf die Reise mitnehmen: Im Laufe der Rathausphase zeigten sich Herausforderungen in der Personalbetreuung. Während das Startteam noch intensiv eingeführt wurde, ließ die Begleitung im weiteren Verlauf nach – mit spürbaren Auswirkungen auf die Kundenansprache. Gegenmaßnahmen folgten in Form von Verkaufsschulungen, bei denen auch der KI-gestützte Plantfinder eine zentrale Rolle spielte. Sein Einsatz per Tablet erleichterte die Beratung und ermöglichte mehr Flexibilität bei der Personalauswahl – umfassendes Fachwissen war dadurch nicht zwingend erforderlich. Für künftige Formate gilt: Die interne Kommunikation muss durchgängig aktiv bleiben.
  10. Logistik im urbanen Raum – komplizierter als gedacht: Ursprünglich war geplant, auch einen Lieferservice für größere Grünpflanzen anzubieten. In der Praxis erwies sich das jedoch als deutlich herausfordernder als erwartet. Viele bestehende Lieferdienste operieren nur in einem Radius von ca. 3 km, was nicht ausreichte, um das Münchner Stadtgebiet flächendeckend zu bedienen. Auch der geplante Einsatz von Lastenrädern gestaltete sich als schwierig. Neben rechtlichen Einschränkungen für Fahrradtransporte in der Innenstadt während der Tageszeiten wäre auch das Abstellen der Räder ein Problem gewesen. Das Learning: Eine funktionierende City-Logistik braucht abgestimmte Lösungen – nicht im Alleingang, sondern in enger Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt München und weiteren innerstädtischen Handelsakteuren.
Welche Pflanze passt zu meinem Wohnsetting – der Chatbot wusste es.
Welche Pflanze passt zu meinem Wohnsetting – der Chatbot wusste es. © JAN SCHMIEDEL

Eine Scheibe abschneiden

Die Ridi-Stiftung führte ein interessantes Interview mit den beiden jungen Unternehmern. Die letzte Frage lautete: „Wo, glaubt ihr, können sich erfahrene Einzelhändler eine Scheibe von euch abschneiden?“

„Ich glaube, dass man einfach mal neue Sachen wagen muss und unterwegs herausfinden, was funktioniert und wie es funktionieren kann. Natürlich wäre es sinnvoll gewesen, zwei bis drei Monate im voraus detailliert zu planen, doch dann hätten wir vieles gar nicht ausprobiert – weder die Fehler gemacht, aus denen wir gelernt haben, noch die Dinge entdeckt, die auf dem Papier vielleicht unmöglich erschienen, aber im Laden überraschend gut funktioniert haben. Letztendlich geht es darum, mutig zu sein und den Raum für spontane Entwicklung zuzulassen“, lautete Valentin Kiefls Antwort.

Und genau dies setzen die beiden Brüder in der Geschäftsführung des elterlichen Gartencenters in Gauting, welche sie mittlerweile übernommen haben, um.

Die gesamte Geschichte mit Daten, Fakten und dem Interview lesen Sie hier:

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